Experten warnen Es droht „IS 2.0“: Rund ein Drittel der 1.050 von Deutschland nach Syrien gereisten Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ist wieder in der Bundesrepublik.

Terrormiliz Islamischer Staat

BERLIN. Rund ein Drittel der 1.050 von Deutschland nach Syrien gereisten Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ist wieder in der Bundesrepublik. Die Zahl der nach ihrer Rückkehr verurteilten Männer und Frauen bewege sich „im mittleren zweitstelligen Bereich“, meldet die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf das Bundeskriminalamt (BKA).

Zur Zeit halte der IS im Südosten Syriens noch seine letzte Stellung. Kämpfer der Terrorgruppe kontrollierten laut Nachrichtenagentur dpa nur noch ein Gebiet von einem Quadratkilometer. Unter den verbliebenen Dschihadisten befänden sich vor allem Ausländer.

CDU-Abgeordneter: „Deutschland hat Verantwortung für seine Bürger“

Einige der Islamisten versuchten, sich unter die fliehende Zivilbevölkerung zu mischen und unterzutauchen. In den vergangenen Tagen hätten sich viele IS-Kämpfer mit ihren Familien den angreifenden kurdischen Truppen ergeben. Trotz der militärischen Situation warnte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) davor, die Terrororganisation schon für besiegt zu halten.

Vergangene Woche hatte der CDU-Bundestagsabgeordnete Armin Schuster dafür plädiert, bereits in Syrien inhaftierte deutsche IS-Angehörige nach Deutschland zu holen. „Deutschland hat eine Verantwortung für seine Bürger, selbst wenn sie schwere Verbrechen begangen haben“, sagte er dem Spiegel. (ag)

Experten warnen

Es droht „IS 2.0“: Die Ruhe vor dem Terrorsturm?

„Ihr Land ist weg! Der IS ist besiegt” – stolz verkündet der US-Präsident den Sieg über die Terrormiliz in Syrien. Nach heftigen Kämpfen um die letzte Bastion des Islamischen Staates – dem am Euphrat, an der Grenze zum Irak liegenden Dorf Baghuz. Trotz hohem Blutzoll und erlittenem Leid unter Zivilisten eine Erfolgsmeldung im Kampf gegen das islamistische Kalifat. Doch internationale Anti-Terror-Experten warnen vor ausgelassener Jubelstimmung.

Denn der IS möge zwar territorial besiegt, aber noch lange nicht ausgelöscht sein. Laut den Spezialisten sei die drohende Gefahr für Europa bei Weitem nicht gebannt – ganz im Gegenteil. Interpol-Direktor Jürgen Stock: „Wir sprechen hier von ,ISIS 2.0‘ – was sich daraus leitet, dass wir davon ausgehen, dass die Terrororganisation in den nächsten zwei Jahren eine Wiederbelebung starten wird.“

Gefängnisse als Nährboden für Radikalisierung
Unter anderem in Form von bereits amtsbekannten Islamisten: „Viele Terroristen, die in jüngster Vergangenheit weltweit zum Beispiel wegen Unterstützung von Terroraktivitäten in Haft gesteckt worden sind, werden in den nächsten Jahren freigelassen. Und leider sind Gefängnisse oft Nährboden für weitere Radikalisierung – und Orte, an denen Terroristen weitere Kontakte knüpfen können.“

Kämpfer in einem Propagandavideo des IS

Dass der IS-Terror noch lange nicht vorbei ist, fürchtet auch der Tunesier Abdel Kadr – der nun im Gefängnis sitzende, ehemalige Sicherheitsbeauftragte des Islamischen Staates: „Die Miliz hat Europa in den letzten Jahren mit ausgebildeten Selbstmord-Attentätern infiltriert. Todesschwadronen mit bis zu 1000 Personen dürften im Moment nur darauf warten, irgendwo zuzuschlagen, sich und so viele Menschen als möglich in die Luft zu sprengen.“

Blutige Prognose von Experten
Den blutigen Prognosen schließt sich auch Anja Dalgaard-Nielsen, Ex-Geheimdienstchefin und amtierende Leiterin der Strategieabteilung in der Royalen Sicherheitsakademie von Dänemark, an: „Durch die Militärschläge in Syrien wird die Zahl der Attentate im Westen durch Einzeltäter steigen.“

Parallel schockt die Terror-Expertin mit einer weiteren Prophezeiung: „Al-Kaida will jetzt wieder aus dem Schatten des IS treten und steht vor dem Comeback (siehe Text unten). Was der Islamische Staat nicht einfach so hinnehmen wird. Und kommt es zwischen den Organisationen zu einem Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit, kann dies hinsichtlich Attentate verheerende Folgen für den Westen haben.“

Hamza Bin Laden ist der neue Stern am „Al-Kaida-Himmel“.

Hamza Bin Laden: Terror-Sohn lenkt Al Kaida
Er war 20 Jahre alt, als sein berüchtigter Vater, der damals meist gesuchte Terrorist der Welt, Osama bin Laden, am 2. Mai 2011 von einem US-Navy-Seal-Team in Pakistan exekutiert wurde. Heute steht Hamza bin Laden selbst auf der US-Liste der gejagten Top-Terroristen – und an der Spitze der Al Kaida. Laut einem ehemaligen FBI-Agenten sei Osamas Sohn im Laufe der letzten Jahre in dessen Fußstapfen getreten.

„Er trägt die mörderische Ideologie weiter – als lenkender Kopf der Organisation. Er will da weitermachen, wo sein Vater aufgehört hat“, so der Ex-Undercover-Agent. „Die Zeit von Hamza ist gekommen – zumal er jetzt auch den Zerfall des IS für sich und den Wiederaufstieg seiner Al Kaida nutzen wird. Er kommt vor allem bei der jüngeren Generation gut an, ist enthusiastisch und voller Hass.“

Im Mai 2011 wurde der weltweit gesuchte Al-Kaida-Boss Osama bin Laden in Pakistan von Navy Seals exekutiert

Die letzte im Internet veröffentlichte Videobotschaft des Neo-Al-Kaida-Chefs: „Amerikaner, wir kommen zu euch – und ihr werdet es spüren.“

„Die Ideologie des IS wurde in Syrien nicht ausgelöscht“
Seit 25 Jahren ist Jasmin Kluge im „Geschäft“ – seit Oktober 2018 bei Europol im Anti-Terror-Einsatz. Im „Krone“-Gespräch warnt die deutsche Kriminalistin davor, im Bereich der Sicherheit leichtsinnig zu werden.

Jasmin Kluge, Leiterin der Europol-Abteilung Strategische Terrorbekämpfung

„Krone“: Frau Kluge, befürchten Sie durch den Fall des Kalifates in Syrien auch eine erhöhte Terrorgefahr für Europa?
Jasmin Kluge: Es ist noch zu früh, um dies seriös einschätzen zu können. Fest steht allerdings: Es gibt keinen Grund, im Bereich des Anti-Terror-Kampfes nachlässig zu werden. Gefahrensituation und -stufe sind unverändert.

Wegen der Rückkehrer?
Unter anderem. Aber auch durch Radikalisierung in Gefängnissen. Man darf nicht vergessen: Die Ideologie der Organisation und Netzwerke sind nicht durch Raketen und Bomben in Syrien ausgelöscht worden. Daher muss man auch weiterhin auf sogenannte einsame Wölfe vorbereitet sein. Auf Personen, die sich selbstständig radikalisieren und aus eigenem Antrieb, ohne eine Organisation im Rücken, Attentate verüben. Mit den einfachsten Mitteln, aber verheerenden Folgen. Wie zum Beispiel mit einem Fahrzeug in eine Menschenmenge zu rasen.

Muss man mit gezielten Racheakten des IS rechnen?
Derzeit haben wir noch keine Hinweise auf geplante Vergeltungsschläge. Neu ist aber, dass der IS nun – anders als bisher – offenbar auch Frauen in Europa aufruft, in den Kampf zu ziehen, Anschläge zu verüben. Auch wenn dafür noch handfeste Nachweise fehlen.

krone.at