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Kriegsspiele mit Kindern: Deshalb weist Österreich Imame aus

Kinder posieren als Leichen: Bild aus der Atib-Moschee in Wien (Screenshot Facebook).

Die rechtskonservative Regierung schliesst sieben Moscheen und weist bis zu 60 Imame aus. Die Türkei fühlt sich provoziert und spricht von Rassismus.

Verstörende Fotos aus einer Wiener Moschee tauchten im letzten Frühling im Internet auf. In der Moschee hatten Kinder in Tarnkleidung eine Schlacht während des Ersten Weltkrieges nachgestellt. Die Fotos zeigten marschierende und salutierende Knaben mit türkischen Flaggen. Kleine Mädchen wurden mit Kopftüchern verkleidet. Auf anderen Bildern posierten Kinder als Leichen. Bei den Kriegsszenen, die die Kinder nachspielten, handelte es sich um die Schlacht von Canakkale, im Deutschen besser bekannt als Schlacht von Gallipoli. Die erfolgreiche Abwehrschlacht des damaligen Osmanischen Reichs wird vom heutigen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan glorifiziert. Jeweils am 18. März feiert die Türkei den «Tag der Gefallenen».

Die Zeitschrift «Falter» hat im April die skurrilen Kriegsspiele mit Kindern publik gemacht – und damit heftige Kontroversen ausgelöst. Ähnliche Diskussionen gab es ein paar Wochen später in der Schweiz, nachdem bekannt geworden war, dass an einer türkischen Schule in der Ostschweiz Kinder im Heimatkunde-Unterricht die Gallipoli-Schlacht nachgestellt hatten. Im Vergleich dazu hatte der Fall der Wiener Moschee aber eine ganz andere Dimension.

Überprüfung aller Moscheen

Für die rechtskonservative Regierung war die sogenannte Kriegsspiel-Causa ein willkommener Anlass, alle Moscheen in Österreich genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei ging es vor allem um die Moscheen des Vereins Türkisch-Islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich (Atib), der wegen seiner türkisch-nationalistischen Ausrichtung schon länger in der Kritik steht. Atib ist ein Dachverband, der in Österreich über 60 Vereine mit über 100’000 Mitgliedern vertritt. Er untersteht der türkischen Religionsbehörde Diyanet und damit der türkischen Regierung. Kritiker werfen dem Atib vor, in islamischen Kindergärten und Schulen die Schaffung einer Parallelgesellschaft zu fördern und die Integration zu erschweren.

Nebst der Prüfung aller Atib-Moscheen veranlasste die Kurz-Regierung, auch die österreichischen Aktivitäten der ultranationalistischen Grauen Wölfe aus der Türkei zu überprüfen. Das Resultat hat Kanzler Sebastian Kurz heute Mittag bekannt gegeben: Österreich schliesst sieben Moscheen und weist bis zu 60 Imame aus. Die Imame könnten ihr Aufenthaltsrecht wegen verbotener Auslandsfinanzierung verlieren. Sie müssten das Land zusammen mit ihren Familienangehörigen verlassen, betroffen wären dann total 150 Personen. In Österreich praktizieren insgesamt 260 Imame. Ein Atib-Sprecher sagte im österreichischen Radio, dass Imame in Österreich mit Geld aus dem Ausland finanziert würden, weil es in Österreich keine adäquate Ausbildung für Imame gebe. Das Personal werde in der Türkei ausgebildet und auch von dort bezahlt.

Graue Wölfe und Salafisten sind unerwünscht

Geschlossen wird eine Moschee in Wien, die im Verdacht steht, unter dem Einfluss der Grauen Wölfe zu stehen. Aufgelöst wird die Arabische Kultusgemeinde mit sechs Moscheen in Wien, Oberösterreich und Kärnten. Einerseits sollen dort Personen aus salafistischen Kreisen angetroffen worden sein, andererseits gibt es den Behörden zufolge auch bei diesen Moscheen Hinweise auf Finanzierungen aus dem Ausland.

Die Beschlüsse der Regierung stützen sich auf das Islamgesetz von 2015, das unter anderem eine «positive Grundeinstellung zu Staat und Gesellschaft» vorschreibt. Das Islamgesetz ist erstmals konsequent angewandt worden. «Parallelgesellschaften, politischer Islam und Radikalisierungstendenzen haben in unserem Land keinen Platz», sagte Kurz. Die von ÖVP-Chef Kurz geführte Regierung mit der FPÖ hat einen harten Kurs in der Einwanderungs- und Integrationspolitik eingeschlagen.

Harsche Kritik aus der Türkei

Der Sprecher des türkischen Präsidenten Erdogan warf der österreichischen Regierung vor, für die Schliessung der Moscheen und die Ausweisung der Imame eine «faule Ausrede» vorzubringen. Dies sei Ausdruck für «die anti-islamische, rassistische und diskriminierende Populismuswelle in diesem Land», liess Ibrahim Kalin auf Twitter verlauten. Österreich greife die muslimischen Gemeinden an, um daraus «billiges politisches Kapital zu schlagen». Kalin warf der Kurz-Regierung zudem vor, mit ihrer Politik «Islamfeindlichkeit und Rassismus zu normalisieren». Mit ihrem «ideologisch aufgeladenen Handeln» verstosse sie gegen grundlegende Rechtsprinzipien, Integrationspolitik, Minderheitenrechte und die «Ethik des Zusammenlebens».

Die Beziehungen zwischen Österreich und Türkei sind seit längerem stark angespannt. Vor dem umstrittenen Referendum über die Stärkung der Befugnisse von Präsident Erdogan im vergangenen Jahr hatte Österreich Auftritte türkischer Politiker untersagt.

Artikel mit Material der Nachrichtenagentur SDA. (Tages-Anzeiger)